Gedanken von Christian Thielemann

 

„Ich vermisse mein Lampenfieber“

 

Die Corona-Krise stellt uns alle vor immense Herausforderungen: die Künstlerinnen und Künstler, die Institutionen – und das Publikum. Selbst jemand wie ich fühlt sich regelrecht „arbeitslos“. Man kennt diese Fotos aus der Weimarer Republik, auf denen verzweifelte Menschen mit Schildern zu sehen sind: „Nehme jede Arbeit an!“. So ergeht es nach einem Jahr Pandemie vielen Musikerinnen und Musikern. Unlängst habe ich mich sogar bei dem Gedanken ertappt, dass ich mein Lampenfieber vermisse. Dabei hasse ich es, Lampenfieber zu haben. Inzwischen fehlt es mir.

Was tut eine Sängerin, wenn sie nicht singen darf? Was tut ein Dirigent, wenn er nicht dirigieren kann? Sie oder er hört Musik und liest Partituren. Beides hat sicher seinen Reiz. Musik hören ist schön, Lieder mit Dietrich Fischer-Dieskau zum Beispiel oder Brahms-Sextette. Auch Partituren lesen ist spannend, die Tondichtung Don Quixote von Richard Strauss etwa habe ich nie dirigiert, ein tolles Werk! Doch wenn man eine Partitur nur liest, nur für sich allein im Kämmerlein studiert und weiß, dass sie in absehbarer Zeit nicht zur Aufführung kommen wird, dann ist das, als lernte man eine Sprache, die man nicht sprechen darf. Viele Vokabeln, ein Großteil der Grammatik, der Klang, die Aussprache – all das vergisst sich dann wieder. Das ist schade.

Dankbar war ich in den zurückliegenden Monaten für jedes Dirigat. Für die Bruckner-Symphonien zum Beispiel, die ich mit den Wiener Philharmonikern aufgenommen habe. In Vorbereitung auf die Erste habe ich mich intensiv mit deren sogenannter „Wiener Fassung“ beschäftigt. Davon gibt es nur sehr wenige Aufnahmen, umso spannender ist es, sie sich anzuhören. Überhaupt sind die Fassungen bei Bruckner natürlich ein unerschöpfliches Thema! Was es für ein Luxus ist, sich einen Weg durch seine Klanggebirge zu bahnen, seinen eigenen Weg, das war mir noch nie so bewusst wie heute.

Auch für jede Art von Streaming war und bin ich dankbar, denn das ist viel besser als gar nichts. Wer eigentlich nur Champagner trinkt, greift im Krisenfall lieber zum Rotwein (wenn dies die Alternative wäre), als dass er verdurstet! Das Streaming macht es für das Publikum möglich, live oder für eine gewisse Zeit abrufbar in den Mediatheken, daran teil zuhaben. Diese Option sollten wir nicht gering schätzen. Und wir sollten nicht daran herumnörgeln, nur weil uns das soziale Drumherum fehlt (zu Recht!), das Gespräch in der Pause oder der Restaurantbesuch danach. Zur eigentlichen Kunstausübung steht das in keinem Verhältnis.

Wir haben bis zuletzt an einer Durchführung der Osterfestspiele an Ostern 2021 festgehalten, aber Mitte März wurde schließlich klar, dass am Osterwochenende keine Veranstaltungen möglich sein werden. So traurig ich bin, dass das Festival erneut nicht an Ostern stattfinden kann, so dankbar bin ich dafür, dass es uns mit vereinten Kräften gelungen ist, die Festspiele auf Ende Oktober, Anfang November zu verschieben. In dieser ungewöhnlichen Zeit sollen auch „Osterfestspiele im Herbst“ möglich sein - und ich bin mir sicher, dass das Festival auch zu dieser Jahreszeit seinen Reiz haben wird.

Wenn ich an das Ende der Pandemie denke, fallen mir oft die 1920er Jahre ein: Der Erste Weltkrieg ist vorbei, die Monarchien sind gefallen, die Wirtschaft liegt am Boden – und je schlechter es den Menschen geht, desto wilder feiern sie. Auch nach Corona könnte es so etwas geben wie ein Revival der Vergnügungssucht (Reise- und Impffreiheit vorausgesetzt). Vielleicht brechen ungeheuer kreative Zeiten an! Und hoffentlich haben wir aus dieser Krise etwas gelernt: dass wir in einem Boot sitzen, auch in der Kultur. Dass wir mit allen unseren Ressourcen besser umgehen müssen. Und dass wir das Naheliegende, die kleineren, intimeren Formen wieder neu schätzen lernen sollten. Insofern möchte ich vor allem den jungen Musikerinnen und Musikern zurufen: Gebt nicht auf, es wird wieder besser! Wir haben einen tollen Beruf – und wir werden gebraucht. Jetzt erst recht.

 

Aufgezeichnet von Christine Lemke-Matwey.

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