Die Welt im Spiegelbild

Bruno Maderna
Bruno Maderna

Bruno Madernas Satyricon

Seit 2017 präsentieren die Osterfestspiele Salzburg neben der „Großen Oper“ im Großen Festspielhaus zusätzlich eine zweite szenische Produktion, die einen Blick in das Musiktheatergeschehen unserer Zeit ermöglicht. Die neue Kammeropern-Reihe startete im Vorjahr erfolgreich mit Salvatore Sciarrinos Lohengrin und wird 2018 mit der einaktigen Oper Satyricon des italienischen Dirigenten und Avantgarde-Komponisten Bruno Maderna (1920–1973) fortgesetzt. Spiel-Ort mit einer besonders gut geeigneten räumlichen Situation ist nun das republic im Herzen der Altstadt, das mit intimer Atmosphäre den Zuschauer einlädt, das Geschehen auf der Bühne aus der Nähe mitzuerleben.

Satyricon entführt in eine schillernde Welt aus Luxus und Überdruss, ins Haus des ehemaligen Sklaven und Lustknaben Trimalchio, der in Madernas Oper sieben Gäste zum Festmahl empfängt. Keiner linearen Handlung folgend, produzieren sich hier die Teilnehmer in einem grellbunten Bilderbogen der Dekadenz in selbstherrlicher Manier voreinander, erotisieren und zerstören und schrecken dabei auch vor gegenseitiger Erniedrigung nicht zurück. Hier wird eine Gesellschaft von Herren und Untergebenen gezeigt, deren Standeszugehörigkeit dem Zufall entsprungen zu sein scheint und sich jederzeit wieder ändern kann. Durch eine reiche Erbschaft zu Geld gekommen, spielt Trimalchio virtuos das Instrument seiner neuen Macht: Rücksichtslos intrigiert und herrscht er über seine Gäste – bis er am Ende sogar seine eigene Beerdigung inszeniert.

Entnommen hatte Bruno Maderna den Stoff seiner Oper 1973 der Cena Trimalchionis aus dem antiken Roman-Fragment Satyricon des Petronius (ca. 60 n. Chr.). Zu Zeiten Neros hatte Petronius als Dichter, Philosoph und Meister des feinen Lebens glücklich an dessen Hof gelebt und traf immer den Geschmack seines Herrschers – kommentiert mit feinster Ironie. „Ich glaube, dass es kaum ein besseres Abbild unserer Gesellschaft heute gibt als das in Petronius’ Beschreibung der römischen Dekadenz“, beschrieb Bruno Maderna sein Interesse an dessen Roman. Vier Jahre nach der berühmten gleichnamigen Verfilmung durch Federico Fellini komponierte Bruno Maderna seine musiktheatrale Version dieses antiken Gastmahls mit all seinen Stationen, wo neben dem Fressen und Saufen unterschiedliche frivole Belustigungen für- und aneinander ein köstliches Happening ergeben. Genauso offen gestaltete Maderna seine musikalische Collage, die jedem Regisseur die Freiheit gibt, eine eigene Reihenfolge festzulegen.

Das musikalische Material dieser Collage lieferte 1971 ein Workshop mit Studenten unter der Leitung des amerikanischen Opernproduzenten Ian Strasfogel und Maderna selbst. Mit Lust und Biss hält Maderna in seiner Komposition auch seiner eigenen Zeit den Spiegel vor. In fünf verschiedenen Sprachen parlieren sich die Figuren munter und fatalistisch am Abgrund der eigenen Würde entlang.

Das musikalische Wunderkind Bruno Maderna, das bereits mit sieben Jahren große Orchester in Italien dirigierte, wandte sich im Laufe seines Komponistenlebens ganz unterschiedlichen Formen der Musik zu. Dies wurde schon allein durch seinen Werdegang vom Dirigier- und Kompositionsstudium in Mailand und Venedig zu seinem späteren engen Kontakt zur Musikavantgarde in Darmstadt begründet, wo er viele Jahre als Dozent und Dirigent beschäftigt war. Seine Freundschaft mit Luigi Nono und Pierre Boulez regten ihn zum Experimentieren an und gemeinsam mit Boulez leitete er von 1961 bis 1966 das Internationale Kammerensemble Darmstadt, das neue Impulse der Kammermusik setzte. Bruno Madernas Musiktheaterwerke entsprechen niemals dem was man gemeinhin eine Oper nennt. Immer zeichnen sich seine Stücke durch eine offene Form aus, die durch verschiedene Arbeitsverfahren entstanden ist und zum Experimentieren einlädt.

In Satyricon überwiegt die Liebe zum musikalischen Zitat. In seiner Partitur beweist Maderna, dass er sich in allen Stilen und Richtungen der Musikgeschichte auszudrücken versteht, vor allem die Verwendung berühmter Opernzitate von Puccini bis Verdi, von Gluck bis zum Walhall-Motiv aus Richard Wagners Der Ring des Nibelungen. Aber auch Jazzelemente und der Chanson fehlen in Madernas vielseitiger Komposition nicht.

Im deutschsprachigen Raum erlebt Madernas letzte Musiktheaterkomposition seit einigen Jahren eine Renaissance. Der gesellschaftskritische Gehalt der Textvorlage von Petronius und der abwechslungsreiche und unterhaltsame Kommentar von Madernas Komposition bieten eine Folie für vielfältige szenische Interpretationen. Das künstlerische Team um Regisseur Georg Schmiedleitner und Dirigent Peter Tilling nimmt sich nun des Experimentes an und erarbeitet für die Osterfestspiele eine eigene Salzburger Fassung, die von der Semperoper Dresden koproduziert und in der nächsten Spielzeit dort übernommen wird.
 

Juliane Schunke