Der Welt abhanden gekommen

 

Michael Sturminger ist einer der renommiertesten österreichischen Regisseure und Autoren. 2006 erarbeitete er bei den Salzburger Festspielen Mozarts Frühwerk Il sogno di Scipione in der Großen Universitätsaula. Am selben Ort zeigt er bei den Osterfestspielen Salzburg 2017 seine Inszenierung von Salvatore Sciarrinos Kammeroper Lohengrin von 1982/84. Bühne und Kostüme gestalten Sturmingers langjährige künstlerische Partner Renate Martin und Andreas Donhauser. Azione invisibile per solista, strumenti e voci („unsichtbare Handlung für Solistin, Instrumente und Stimmen“) nennt Sciarrino sein Werk. Eine verlassene Elsa sinniert darin im Selbstgespräch über den abwesenden Lohengrin und über die Vergangenheit. Anders als Richard Wagner knüpft Sciarrino an eine literarische Vorlage des symbolistischen Dichters Jules Laforgue (1860–1887) an und entfernt sich zugleich von dieser Vorlage deutlich, wie Michael Sturminger im Gespräch erläutert.

 

 

Probenfoto "Lohengrin". Michael Sturminger und Sarah Maria Sun (c) Wildbild
Michael Sturminger und Sarah Maria Sun bei der Probenarbeit (c) Wildbild

Michael Sturminger: Die Vorlage hat für mich eine ganz andere Atmosphäre als Sciarrinos Werk. Laforgues Text wirkt für mich wesentlich jugendstiliger oder fin-de-siècle-hafter und „parfümierter“. Das Werk „sitzt" mehr in einer Zeit, es ist auch historischer. Durch das, was Sciarrino musikalisch damit macht, tritt es jedoch völlig aus der Zeit. Wenn ich keine besondere Zeit in einem Werk spüre, ist es für mich immer „heute“. Ich habe auch fast ausschließlich Inszenierungen „heute“ inszeniert, weil ich grundsätzlich versuche, ein Stück direkt wirken zu lassen oder einen Weg zu finden, wie man es direkt erleben kann. Wenn ich den Text allein lesen würde, habe ich fast das Gefühl, ich müsste mich thematisch mit Jugendstil befassen. Wenn ich ihn aber in der Fassung von Sciarrino höre, scheint er mir viel zugänglicher, heutiger, und hat den ganzen historischen Gestus verloren.

Das heißt, trotz aller durchscheinender symbolistischer Andeutungen holt Sciarrino das Stück in die Gegenwart – oder in die Zeitlosigkeit?

Sturminger: Zeitlosigkeit bedeutet für mich immer Gegenwart. Weil etwas, das zeitlos ist, auch nicht in eine andere Zeit transferiert werden muss. Wenn es zeitlos ist, kann es immer sein, und dann kann es „heute“ sein. Die Symbolik ist natürlich da: Vogelstimmen, Bilder … Nur liegen sie nicht hinter einem Schleier von Moden und Schichten, sondern sind greifbar. Elsa ist durchaus jemand, der an Begriffen und Symbolen hängt: Das Meer, der Mond – das sind ganz stark bildhafte oder symbolische Begrifflichkeiten. Aber sie sind gleichzeitig insofern zeitlos, als sie weder eine mythische Lohengrin-Zeit brauchen noch einen historischen Punkt, von dem aus sich jemand diesem Lohengrin nähert, also kein Fin de Siècle des Textautors.    
    Diese Elsa ist eine nicht mehr junge Frau. Das ist keine sitzengelassene Braut wie bei Wagner, die man sich achtzehnjährig, siebzehnjährig vorstellen muss - mit all der Aufladung sexueller Unreife, die dem innewohnt -, sondern eindeutig eine erwachsene Frau, die schon etwas erlebt hat. Eine Frau, die einem Ideal nachhängt, das es nie gegeben hat, und die darüber auf eine gewisse Art ihre Realität verloren hat, ihren Boden. Wenn man nun mit einer solchen Figur umgeht, muss man das gar nicht weiter konkretisieren, sondern sie kann einen Zauber behalten und einen Stolz und eine Schönheit – und gleichzeitig auch etwas Elendes, Jämmerliches: von der Welt verlassen, der Welt abhanden gekommen. Mit all der Schönheit, die das in Augenblicken haben kann und mit all der Lächerlichkeit, die das in anderen Momenten bekommt. Und mit all der Traurigkeit einer Biographie, die verloren geht, die keine Erfüllung finden kann. Das steckt alles in dieser Figur der Elsa, und das sehe ich ohne Umweg, wenn ich eben nicht an den Symbolismus und nicht an Richard Wagner und nicht an die Wagner’sche Vorlage denke.

Sciarrinos Elsa wird – anders als bei Wagner – nicht von Lohengrin verlassen, weil sie ihm die verbotene Frage nach seinem Namen stellt, sondern weil sie ihm nicht gefällt: Die Hüften seien ihm zu mager, sagt er, und weist sie zurück.

Sturminger: Genau, aber es ist wiederum sehr die Frage, ob wir das glauben, oder ob wir nicht feststellen: Das ist ihr Erklärungsmodell. So dünn kann eine Frau gar nicht sein, dass sie nicht glaubt, oder nicht glauben kann, es liege an ihren Hüften. Wie wir alle immer glauben, dass wir nicht entsprechen, weil wir nicht entsprechen können.

Das bedeutet, der Dialog der Hauptdarstellerin mit sich selbst gibt etwas wieder, was vielleicht überhaupt nie stattgefunden hat, sondern nur in ihrer Vorstellung existierte? Wie weit geht das dann: Was von all dem gab es dann überhaupt wirklich?

Sturminger: Gute Frage. Das werden wir erkunden müssen. Ich glaube nicht, dass wir erzählen müssen, dass sie ein sexuell unberührtes Wesen ist. Das könnte man natürlich auch tun, wenn man die Geschichte mit einem Schuss Religion versieht. Man könnte sich auch vorstellen, dass es sich um eine Erlösungsfantasie wie jene einer Klosterschwester handelt. Aber es ist ganz sicher die Geschichte einer nicht erfüllten Sexualität und einer unfassbaren Sehnsucht.

Salvatore Sciarrino schreibt über sein Werk: „Diese Klänge sind bereits Theater. Sie benötigen keine Illustration und müssen auch nicht mit Bildern ausgekleidet werden: Sie tragen ihre eigenen Bilder in sich.“ Nun gestalten Sie natürlich trotzdem Bilder. Das Bühnenbildmodell zeigt einen Raum mit mehreren Türen und einem Fenster, aus dem Elsa hinausschauen wird. Ist das eine Anstalt, in der Sie Ihre Inszenierung verorten?

Sturminger: Nein, das ist keine Anstalt. Es ist ein verlassener Raum, eine Zuflucht in einen Raum, der seine Funktion verloren hat, der nicht mehr benützt wird. Es gibt Balkontüren nach außen, daher ist die Assoziation eines Hotels möglich. Draußen liegt das Meer, aber es ist ein verlassenes Meer. Die Saison ist vorbei, auch das Hotel insgesamt ist vorbei, wird nicht mehr als solches genutzt. Wenn es ein Wohnraum ist, ist er verkommen, da gibt es keine Funktionen mehr, sondern der Raum wartet vor sich hin. Die italienische Sprache bringt natürlich auch eine gewisse Farbe mit sich. Dadurch entstand für uns diese Assoziation „Off-Season-Lido“. Das Elend des Ungenützten. So ein Strand außerhalb der Saison ist wie ein Skilift im Sommer: ein seiner Funktion beraubter Ort, der aber nicht Natur sein darf, weil er ja eine Funktion bekommen hat, die ihm nun fehlt. Und den stellen wir uns draußen vor dem Fenster vor.


Ist die Große Universitätsaula ein schwieriger Ort, weil er nicht für szenische Produktionen gedacht ist?

Sturminger: Der Raum ist insofern sehr schwierig, als er kein Theaterraum ist, sondern von einer riesigen Zuschauertribüne dominiert wird. Ich könnte mir dieses Stück auch als Installation vorstellen, wo die Zuschauer spazieren gehen. Aber dieser Zuschauerraum ist fest hineingesetzt, das heißt, der Winkel und alles ist vorgegeben. Der ganze Raum ist hell, der Zuschauerraum ist aus hellem Holz, es gibt viele Notlichter, und wenn man nicht einen ganzen Guckkasten einbaut, bekommt man keinen Fokus zusammen. Bei Scipione hatten wir kein Problem, weil wir einen Guckkasten hingestellt haben. Und wir tun das deswegen jetzt auch wieder, weil wir einen großen Fokus und viel Konzentration brauchen.

Elsa schaut also durch das Fenster auf das Meer und blickt in eine imaginierte Vergangenheit?

Sturminger: Meiner Meinung nach ist das Ganze eher eine Fantasie oder noch eher eine Projektion. Es ist ihr Versuch, ihre Wirklichkeit zu bündeln, ihr Versuch, aus dem, was sie spürt, zu einer Art von Erklärung zu kommen, ihren Zustand irgendwo herzuleiten. Und dieser leitet sich möglicherweise von einer Mischung aus Sehnsucht, Tradition und Erziehung her, aus diesem seltsamen Amalgam, aus dem wir alle sind. Und dieses Gemisch ist bei dieser Figur ein solches geworden, das sich nicht mehr verträgt mit dem, was die Welt und die Gesellschaft verlangen, daher muss diese Figur an den Rand. Dort funktioniert sie dann aber ganz gut und hat auch etwas sehr Vitales; vielleicht muss sie jeden Tag Elsa werden und kann auf diese Art funktionieren.

Sciarrinos Lohengrin wirkt wie eine komplett andere Geschichte als jene, die Wagner erzählt. Wenn wir eine Verbindung suchen, wo finden wir sie?

Sturminger: Das ist durchaus ein Stück Bildungsbürgertum, das von Sciarrino hier verarbeitet wird. Dass er da etwas als Referenz nimmt, aber nur mehr als verrückte Referenz, und sagt: ‚Ich komponiere auch einen Lohengrin!’– das ist doch eine große Anmaßung. Und gleichzeitig ist es sehr humorvoll, weil er alles, was großartig ist bei Wagner, streicht: kein großes Bild, kein Chor … Er reduziert es auf das Eigentliche: diese eine Seele, die ja auch bei Wagner die Protagonistin ist. Das Stück heißt Lohengrin, aber Elsa ist das Thema, die Identifikationsfigur. Die Figur Lohengrin ist nur der Antagonist, aber er ist nicht der Held der Geschichte. Wir befassen uns auch nicht mit seiner Psychologie. Er interessiert uns als Phänomen, aber aus der Sicht der Elsa. Das ist ja bei Wagner sehr oft so: Seine Identifikation ist jene mit den Frauenfiguren, und durch die Frauenfigur träumt er sich ein Bild von einem Helden-Mann, an das er selbst auch nicht glauben kann. Aber diesen Umweg wählt er, und dieser ist ganz deutlich bei Lohengrin. Lohengrin hat auch nichts zu entscheiden: Er kommt, wenn er gerufen wird, und wenn er gefragt wird, muss er wieder gehen. Wagners Fokus liegt auf den Frauenfiguren. Beim Fliegenden Holländer ist ganz eindeutig Senta die Protagonistin. Und jeweils der Mann ist der Antagonist, das Ziel, die Sehnsucht und das Unerreichbare. Wobei Unerfüllbarkeit überhaupt ein großes Thema bei Wagner ist. Ich habe ein Libretto geschrieben für Bernhard Lang – I Hate Mozart – , ein Stück über einen Dirigenten, der an der Aufführung einer Zauberflöte vor sich selbst scheitert, nicht vor dem Publikum. Und da gibt es den zentralen Satz, dass die Erfüllung nie so schön sein kann wie die Sehnsucht. Und das ist ein ganz starkes Wagner-Thema: Erfüllung ist unmöglich und wäre auch eine Banalisierung.

Wenn es die Erfüllung gäbe, gäbe es das Stück nicht.

Sturminger: Genau. Was sollte das für eine Geschichte sein? Wenn Lohengrin kommt, sie rettet und dann: happily ever after … ? Nur weil man weiß, das ist nur eine Sehnsucht, hier entspinnt sich etwas, das es nie geben wird, nur deshalb kann man so viel Emphase auf diese Hoffnung verlegen. So funktioniert der ganze Lohengrin.



Das Interview führte Martin Riegler