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Mario Vargas Llosa über die Osterfestspiele Salzburg

 

Im Rahmen der zahlreichen Festivals, die im Lauf des Jahres in der Mozart-Stadt stattfinden, besitzt das von Herbert von Karajan 1967 ins Leben gerufene und gegenwärtig von Sir Simon Rattle geleitete Osterfestival einen besonderen Charakter. Obwohl es von Musikliebhabern und Mozartbewunderern aus zahlreichen Orten der Welt besucht wird, wirkt es sehr viel intimer und familiärer als, sagen wir, das Salzburger Sommerfestival, wenn diese kleine, schöne Stadt sich in einen Mikrokosmos verwandelt, in dem alle Sprachen, Rassen und Kulturen koexistieren und wo der Besucher sich etwas verloren fühlt in der ihn umgebenden Mannigfaltigkeit, wie in einem Labyrinth von Jorge Luis Borges.
Der unvergleichliche Zauber des Osterfestivals hat mit verschiedenen Dingen zu tun. Eines davon ist die Schönheit der Umgebung, einer alpinen Landschaft, die sich von der Kälte und vom Winter verabschiedet und sich mit den ersten lauen Lüften und dem ersten Grün des nahen Frühlings zu verjüngen beginnt. Und auch Salzburg, das Juwel der barocken Architektur und Kunst, scheint mit neuer Kraft zu neuem Leben zu erwachen. In der klaren Luft, am blauen Himmel und in den stets sauberen, vom Morgentau benetzten alten Gassen gewahrt man eine Heiterkeit und eine Begeisterung, die ihr Gegengewicht in den Konzerten oder der Oper am Nachmittag und am Abend finden.

Ein weiterer Grund für das Außergewöhnliche und Besondere dieses Festivals sind die Berliner Philharmoniker, das vielseitigste und vollkommenste Orchester in der heutigen Welt, das unter der Leitung eines unstrittigen Maestros wie Sir Simon Rattle jeden Tag ein Programm bietet, in dem sich Ge­nauigkeit und Perfektion, Treue zur besten musikalischen Tradition und ein für die Moderne und Avantgarde offener Geist verbinden und den Musikfreunden einige von Zauber und Emotionen erfüllte Stunden schenken. Die Berliner Philharmoniker sind kein Orchester, sondern ein Wunder, aber eines in menschlichem Maßstab, aus Fleisch und Blut, das heißt, aus Können, Disziplin, Arbeit, Wissen und Liebe. Die Verbindung, das Einverständnis der Philharmoniker mit Sir Simon Rattle ist total, wie bei jenen seltenen innigen, gleichsam vollkommenen Ehen. Unter dem strengen, großzügigen und gerechten Taktstock des britischen Maestro ist jedes Instrument präsent und erlangt eine Art Protagonismus, weil es gleiche Behandlung erfährt und angehalten wird, sich auszudrücken und hervorzutreten zur größeren Wirksamkeit des Ganzen. Wenn man die Berliner Philharmoniker hört, hat man bisweilen den phantastischen Eindruck, dass alle Musiker Solisten sind. Im Rahmen des Festivals hören die Musikfreunde außer den Konzerten Vorträge, haben Gelegenheit, den Proben der Philharmoniker beizuwohnen und können sich mit Kritikern, Künstlern und Liebhabern der Oper und Mozarts austauschen in einer herzlichen, kultivierten Atmosphäre, die der Verfasser dieser Zeilen an keinem anderen Ort der Welt erlebt hat.

Das bedeutet natürlich nicht, dass es beim Osterfestival nicht Konzerte gibt, die besser sind als andere, und dass die Programmgestaltung keine Fehler aufweist. Es bedeutet einfach, dass, alles in allem, die Bilanz immer enorm positiv sein wird und dass die Stärken und Erfolge immer weit die Schwächen übersteigen. Die Stadt Salzburg besitzt eine von der Geschichte bereicherte Persönlichkeit, und Mozart, ihr berühmtester Sohn, hat sie in eine emblematische Stadt verwandelt. Künstler, Dirigenten, Musiker und Musikliebhaber fühlen sich wie in Besitz genommen vom Geist des Ortes, sind gezwungen, sich noch mehr anzustrengen und das Beste zu geben. Deshalb hat es etwas Religiöses, in Salzburg Musik zu hören, etwas von einer Zeremonie, in der die Kunst sich in eine Magie und Mystik kleidet, in der nicht nur die Sinne in Ekstase geraten, sondern auch der geheimste Teil der Persönlichkeit ins Spiel kommt, die alten Instinkte, die verborgenen Träume und die Illusion, dass man in der Verzückung einer Symphonie oder einer Kantate in eine stumme Verbindung zu den berühmtesten Vorfahren tritt, zu den Vorbildern des Denkens und des künstlerischen Schaffens, die Hermann Hesse in seinem Steppenwolf „die Unsterblichen“ nennt. Erinnern wir uns, dass der Protagonist Harry Haller in diesem Roman, in der Phantasmagorie am Ende, einen Dialog mit Mozart führt und dass dieser ihm diesen dringlichen Rat gibt: „Sie sollen leben, und Sie sollen das Lachen lernen.“

Ich möchte die Behauptung wagen, dass diese Phantasie Herrmann Hesses über Mozarts Lebensphilosophie sich während der seinem Gedenken und seiner Musik gewidmeten Festivals in Salzburg wie eine greifbare Wahrheit äußert. Das Leben Mozarts war alles andere als glücklich, wie wir wissen. Jeder seiner Erfolge, jede seiner Anerkennungen wurde von Zurücksetzungen und Ungerechtigkeiten konterkariert, und in den wenigen Jahren, die er lebte, waren die Leiden und Niederlagen in den Momenten, in denen er nicht in seine schöpferische, erneuernde Tätigkeit vertieft war, sehr viel zahlreicher als die Genugtuungen und Freuden. Und doch durchzieht seine Musik keine Spur von Bitterkeit und Ressentiment. Alles an ihr ist ein Lobgesang auf das Leben, eine Aufforderung, der Welt als Herausforderung zu begegnen, die den Menschen zu transzendenten Höhen erhebt, eine Verherrlichung der Liebe, des Wissens, ein Aufruf, die Geheimnisse zu enthüllen, die uns umgeben, und so zu handeln, dass der Geist stets die Oberhand gewinnt über das Animalische unseres Wesens. Selbst in dem Wunderwerk des Don Giovanni, in dem Mozarts musikalisches Genie seine eigenen Grenzen überwand, inspiriert durch die mythische Gestalt, die es wagte, besessen vom Dämon der Wollust und des Hochmuts, sich Gott und dem Tod zu widersetzen, siegen am Ende die Rationalität und das Leben. Dieses moralische Erbe, der Glaube an die mensch­liche Gattung, an die Fähigkeit von Männern und Frauen, ihre eigenen Dämonen zu besiegen und auf das zu setzen, was an ihrer Natur engelhaft ist, lebt in Salzburg fort, prägt die malerischen Gassen und Wohnhäuser und äußert sich mit ansteckender Kraft, wenn die von Mozart komponierte Musik unter seinem Himmel von einem großen Orchester oder einem großen Solisten interpretiert wird.

Ein weiteres, für mich bemerkenswertes Merkmal des Osterfestivals ist sein Format. Es ist kurz, es besteht aus drei Konzerten und einer Oper. Seine Kürze wird ausgeglichen durch seine Intensität, wie bei jenen Gedichten mit wenigen Versen, ein Sonett, zum Beispiel, in dem es dem Dichter gelungen ist, in zwölf Versen die Gedanken, Empfindungen, Bilder einzufangen, die andere Dichter in langen Oden oder Romanzen ausbreiten müssen. „Vom Guten nur wenig“, sagt ein altes spanisches Sprichwort, und das Osterfestival bestätigt dies jedes Jahr durch die Sorgfalt, mit der jeder Punkt seines dichten Programms gestaltet, geprobt und ausgeführt wird.

Ein Festival dauert nicht nur, gewinnt nicht nur neue Anhänger durch seine Darbietungen. Fast ebenso wichtig ist die Atmosphäre, die es umgibt, das Ambiente von freundschaftlicher Nähe unter den Besuchern, das es befördert, die Erleichterungen und die Anregungen, die es ergänzen. Für mich ist dies die Zeit des Jahres, in der Salzburg besonders einladend und zugänglich ist. Es ist noch nicht von Touristen überschwemmt, wie im Sommer, und man kann den Zauber seiner engen Gassen, seiner Kirchen und Paläste, seiner Parks und Grünanlagen, seiner Museen und der Wälder und Dörfer seiner Umgebung ausgiebig und genussvoll auf Spaziergängen erkunden, die Zeitreisen sind und dem Besucher die Illusion einer Welt ohne Härten und Gewalt, einer Welt aus Phantasie und Kunst, kreativem Zusammenwirken und eines Lebens vermitteln, das von der Musik verschönt wird, die hier wie das Wasser der Wasserfälle hervorquillt, rein, kristallklar, erfrischend, wie ein Balsam, der die Angst vertreibt und das menschliche Wesen mit den Elementen kommunizieren lässt. Etwas Ähnliches muss zu Beginn der Zeiten die Musik für den primitiven Menschen gewesen sein: eine Form, mit dem Jenseits zu kommunizieren, den Göttern Botschaften zu senden und ihre Antworten zu erhalten. Und das ist eine der Empfindungen, die der Besucher Salzburgs erlebt, der das Privileg hat, zu dieser Zeit die Heimat dieses Wunderkindes zu besuchen, das Mozart war (und noch immer ist).

Ich besuche das Salzburger Osterfestival seit nun­mehr etwa zehn Jahren und kann ohne Übertreibung sagen, dass die dort verbrachten Tage meine Erfahrung tief bereichert haben, nicht nur der erfüllten Stunden wegen, in denen ich große Künstler hören konnte, sondern auch der Freunde wegen, die ich dort gefunden habe, der Gespräche und Kommentare und des gleichsam brüderlichen Zusammenlebens wegen, angeregt vom Geist einer Stadt, der das Beste aus uns herauszuholen scheint und, zumindest für einige Tage, all das zum Verschwinden bringt, was Anlass zu Zwist und Grausamkeit in den menschlichen Beziehungen ist.

Ich erhoffe für das Osterfestival ein langes Leben, damit es in diesen beiden Wochen im April Salzburg weiterhin in eine Enklave der Zivilisation, der Schönheit und des Friedens verwandelt.

 
Lima, Februar 2008